DU BIST AM ZUG ist aus einer Auseinandersetzung mit verschiedenen Fragen zu Kunst und Recht entstanden:

Was ist Meinungsfreiheit?

Meinungsfreiheit bedeutet, dass jede und jeder das Recht hat, sich frei zu äußern. Dieses Recht steht allen in gleichen Maßen zu. Jedoch bleibt das Recht auf Meinungsfreiheit ohne ein Recht darauf, wahrgenommen zu werden, ein theoretisches Ideal. Wir glauben, dass echte Meinungsfreiheit nicht als ein bloß „negatives“ Recht – sich ungestört zu äußern – verstanden werden soll sondern auch als ein „positives“ Recht, also den Anspruch darauf, eigene Botschaften einem breiten Publikum wirksam zu vermitteln. Dafür bietet der öffentliche Raum der Stadt die besten Möglichkeiten, da er für alle offen ist und viele Menschen aus verschiedensten sozialen Gruppen sich dort täglich aufhalten.

Wem gehört der öffentliche Raum?

Der öffentliche Raum gehört uns allen, aber was bedeutet das genau? Die praktische Bedeutung ist, dass wir alle diesen Raum benutzen dürfen – um zur Arbeit zu fahren, in einem Park zu spazieren oder einkaufen zu gehen. Dabei benutzen wir die Stadt hauptsächlich so, wie dies von anderen vorgesehen ist. In dieser Hinsicht sind wir eher Konsumenten der eigenen Stadt als ihre (Mit)Schöpfer. Nur eine relativ kleine Gruppe von Menschen – Stadtplaner*innen, Eigentümer*innen und Werbenden – haben das Recht, die Stadt zu gestalten, zu entscheiden, was in unserem gemeinsamen Raum zu sehen ist.  Dazu kommen Graffitimaler, die sich ein Recht auf die Gestaltung der Stadt aneignen. So ergibt sich eine urbane Landschaft, in welcher die meisten expressiven Botschaften entweder Werbung oder Graffiti sind. Die zwei kämpfen ständig miteinander um unsere Aufmerksamkeit. Ansonsten sind vor allem ordentliche einheitliche Flächen zu sehen, die zwar die Botschaft „hier herrscht Ordnung“ vermitteln, aber wenig von den Menschen, die in der Stadt leben, erzählen.

Die Welten der meisten Bürger*innen bleiben somit unsichtbar. So zum Beispiel können Berliner Straßen erzählen, dass die Feuersozietät da ist, wenn es um unsere Vorsorge geht, dass bei PS5 das Spiel keine Grenzen hat oder dass Manu und Maria heiraten. Sie erzählen aber kaum irgendwas von Gedanken, Sorgen, Hoffnungen und kreative Aspirationen der meisten Stadteinwohner*innen.

Was erzählt eine Stadt?

Diese Frage finden wir besonders spannend. In unserer Forschung versuchen wir, die Stadt zu lesen und den von Wänden, Plakaten, Zügen und Kunstwerken erzählten Geschichten zuzuhören.

Unsere Forschung zeigt, dass manche Narrative eine dominante Position im öffentlichen Raum genießen während andere ständig unterdrückt werden. Somit ergibt sich eine urbane Landschaft, die immer wieder dieselben Geschichten erzählt und die anderen ständig verschweigt.

Städte erzählen uns vor allem das, was einen breiten Konsens genießt – das sind Geschichten von dominanten sozialen Gruppen und natürlich dazu auch viele kommerzielle Appelle. Das was nicht erzählt bleibt sind Stimmen der Minderheiten, umstrittene Meinungen unter anderem oft solche, die sich gegen die Konsumkultur wenden.

Ein gutes Beispiel dafür ist illegales Graffiti. Die Reaktion darauf hängt stark davon ab, was gemalt wird und von wem. Botschaften, die mit den heutigen Mainstream-Meinungen übereinstimmen – wie Black Lives Matter oder Tschüss, Corona! – haben eine gute Chance, länger unberührt zu bleiben. Ihre Schöpfer sollen eine Strafe wenig befürchten. Dasselbe gilt für Werke, die für viele Menschen schön und verständlich erscheinen und insbesondere solche, deren Autoren berühmt sind. Ganz anders sieht es aus, wenn Graffiti umstrittene Meinungen äußert oder ästhetisch weniger zugänglich ist. Solche Werke werden schnell beseitigt und ihre Schöpfer bestraft.

So entsteht eine Art steriler, unumstrittener urbaner Raum, der immer das erzählt, woran die meisten schon glauben und immer das zeigt, was die meisten schon mögen. Das Ziel unserer Forschung ist, diese Sachlage zu hinterfragen.  

Ist ein anderer urbaner Raum möglich?

Wir glauben, dass die Gestaltung der Stadt auch anders funktionieren könnte. Wir stellen uns eine Stadt vor, die von ihren Einwohner*innen gestaltet wird, eine bunte und inklusive Stadt, deren Landschaft mit diversen Stimmen spricht, die persönlichen Welten verschiedener Menschen teilt und allen die Chance gibt, sich zu im öffentlichen Raum zu äußern.

Der gemeinsame Raum der Stadt muss nicht zwangsläufig einheitlich gestaltet werden. Er könnte vielmehr zu einer von Einwohner*innen geschaffenen und sich stets verändernden Collage werden. So hätte jede und jeder die Möglichkeit, nicht nur sich frei zu äußern, sondern auch von den anderen wahrgenommen zu werden. Die Stadt würde somit nicht mehr immer wieder dieselben Geschichten erzählen, sondern die Stimmen aller ihrer Bürger*innen in ihrer ganzen Vielfalt klingen lassen. Die Stadteinwohner*innen werden täglich die Chance haben, den persönlichen Welten ihrer Mitbürger*innen zu begegnen. Die Kunst in dieser Stadt wird nicht unbedingt den etablierten Kanonen entsprechen und wird oft von unbekannten Künstlern stammen. Sie wird viel Raum für ästhetische Experimente lassen und damit Kreativität und Innovation fördern.

Eine Stadt, die von ihren Einwohner*innen gestaltet wird, ist momentan schwer vorstellbar. Was werden die Menschen im öffentlichen Raum mitteilen wollen? Wie werden die Reaktionen darauf sein? Welche Diskussionen werden dadurch angeregt werden?

Du bist am Zug wird erste Anhaltspunkte für diese Fragen liefern. Das Projekt wird zeigen, was passiert, wenn den Menschen eine Chance gegeben wird, ihre Botschaften im öffentlichen Raum zu vermitteln. Äußerungen, die man so hervorruft, können überraschend und nährend für den Zusammenhalt der Stadtgesellschaft sein. Wir sind sehr darauf gespannt, welche Beiträge die Bürger*innen uns zuschicken werden!